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Wenn das Nervensystem Alarm schlägt: Über Stressoren und Bedürfnisse

Aktualisiert: 10. Sept.

Im letzten Beitrag ging es darum, warum es in der Begleitung von Kindern hilfreich ist, die Prozesse in unserem Nervensystem zu verstehen. Wir haben gesehen: Das Verhalten von Kindern ist oft nicht willentlich, sondern körpergesteuert – das Nervensystem entscheidet mit.


In diesem Beitrag schauen wir genauer hin: Was kann dahinter stecken, wenn das Nervensystem in Alarmbereitschaft geht? Und warum können scheinbar kleine Dinge bei Kindern grossen Stress auslösen?


Ich gehe hier bewusst nicht auf eine bestimmte Altersgruppe ein – mir geht es darum, die grundlegenden Prozesse im Nervensystem verständlich zu machen. Denn unabhängig vom Alter laufen dieselben biologischen Schutzmechanismen ab. Wer diese Grundprinzipien versteht, kann Stresszeichen besser erkennen – und Kinder achtsamer begleiten.


Störendes, auffälliges Verhalten ist oft ein Zeichen für ein überlastetes Nervensystem, welches Regulation braucht. 
Störendes, auffälliges Verhalten ist oft ein Zeichen für ein überlastetes Nervensystem, welches Regulation braucht. 

Stress ist nicht gleich Stress


Wie wir im letzten Beitrag gesehen haben, hat das autonome Nervensystem eine zentrale Aufgabe: unser Überleben zu sichern. Uns zu schützen. Es scannt permanent, ob wir sicher sind – körperlich, emotional und sozial. Alles, was das System als potenzielle Bedrohung einstuft, kann eine Alarmreaktion auslösen und den Körper in einen Stresszustand versetzen.


Doch was bewertet unser Nervensystem überhaupt als "Gefahr"?


Unerfüllte Grundbedürfnisse als potenzielle Gefahr


Hinter jeder Stressreaktion steht meist ein oder mehrere unerfüllte Grundbedürfnisse – wie etwa nach Verbundenheit, Schutz, körperliche Unversehrtheit, Orientierung oder Autonomie.

Ein kleiner Junge knöpft sich selbst das Hemd zu.
Sich selbst anziehen wollen ist ein typisches Beispiel für das Grundbedürfnis nach Autonomie.

Da Kinder zur Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse in hohem Masse auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind, erlebt das kindliche Nervensystem ein nicht erfülltes Grundbedürfnis nicht einfach nur als unangenehm – sondern oft als Bedrohung. Es meldet: „Ich bin nicht sicher“.Wichtig dabei: Nicht die äussere Situation selbst entscheidet, sondern die subjektive Einschätzung des Nervensystems. Für uns mag eine Situation harmlos wirken – für das Kind kann sie hochbelastend sein.


Beispiel: Ein Kind möchte sich allein anziehen, darf aber nicht → Bedürfnis nach Autonomie wird blockiert → das Nervensystem reagiert mit Übererregung (z. B. Wut, Schreien).


Jedes Kind reagiert anders. Je nach Prägung des Nervensystems und auch je nach Tagesform kann diese Einschätzung sehr unterschiedlich ausfallen. Darum reagieren wir Menschen auch so unterschiedlich auf bestimmte Erfahrungen und Situationen. Manche Kinder zeigen z. B. eine starke Stressreaktion bei scheinbar kleinen Veränderungen, andere gar keine.


Zentrum für Impulskontrolle noch nicht ausgereift


An dieser Stelle ist wichtig zu ergänzen, dass der präfrontale Cortex – also der Teil des Gehirns, der für Impulskontrolle, vorausschauendes Denken und emotionale Regulation zuständig ist – erst im jungen Erwachsenenalter vollständig ausgereift ist (ca. zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr).


Kinder können sich also neurologisch bedingt noch nicht selbst regulieren. Sie brauchen uns – als regulierte, zugewandte BegleiterInnen.


Beispiele für stressauslösende Situationen


Kinder erleben täglich Situationen, die Stress auslösen können. Manche davon sind entwicklungsbedingt „normal“ und leicht als stressreich erkennbar – andere werden im Alltag häufig übersehen oder unterschätzt, obwohl sie das kindliche Nervensystem stark fordern können.


Erwartbare und eher offensichtliche Stressoren


Die folgenden Situationen gehören zum Aufwachsen dazu und dürfen Kinder fordern – wichtig ist, dass sie begleitet und ernst genommen werden:


  • Trennung von der Bezugsperson (z. B. Eingewöhnung in Kita oder Schule)

  • Einschulung oder Start in eine neue Einrichtung

  • Ein neues Geschwisterkind

  • Viele Eindrücke an einem Tag (z. B. Familienfeier, Ausflug)

  • Übermüdung oder Hunger

  • Ein Ortswechsel oder Umzug

  • Prüfungen, Vorträge oder Konflikte in der Schule

  • Emotionale Aufregung (z. B. vor einem besonderen Ereignis)

  • Frustration im sozialen Miteinander (z. B. Spielzeug teilen, warten müssen)


Diese Situationen sind häufig klar als stressreich zu erkennen – die Stressreaktion des Kindes erscheint nachvollziehbar.


Ein Mangel an Bindungssicherheit oder emotionaler Verbundenheit ist ein oft unterschätzter Stressfaktor für Kinder.

Versteckte und meist unterschätzte Stressoren


Diese Auslöser wirken nach aussen oft harmlos – für das kindliche Nervensystem können sie jedoch belastend sein:


  • Reizüberflutung durch Lärm, Licht oder visuelle Eindrücke

  • Unklare Abläufe oder fehlende Orientierung („Was passiert als Nächstes?“)

  • Wechselnde oder widersprüchliche Erwartungshaltung  von Bezugspersonen

  • Emotionale Unerreichbarkeit der Erwachsenen (z. B. durch Stress, Ablenkung)

  • Nicht ernst genommen werden in Gefühlen oder Bedürfnissen („So schlimm war das doch nicht“)

  • Soziale Erwartungen, die überfordern („Sag jetzt Danke“)

  • Zu wenig Rückzugs- oder Ruhemöglichkeiten

  • Andauernder Zeitdruck

  • Wiederholte Ablehnung bei starken Gefühlen

  • Ständiges Funktionieren-Müssen ohne echte Entlastung

  • Ein Mangel an Bindungssicherheit oder emotionaler Verbundenheit – oft unterschätzt, gerade wenn Eltern stark belastet oder beruflich eingebunden sind.


Diese Stressoren wirken subtiler und bleiben deshalb leicht unbemerkt. Die Stressreaktionen der Kinder sind hier eher schwer nachvollziehbar.


Junge steht draussen vor Sträuchern und hält sich die Ohren zu.
Reizüberflutung gehört zu den oft unterschätzten Stressoren, die das kindliche Nervensystem stark beanspruchen können.

Was bedeutet das für uns Erwachsenen?


Wir haben nun in diesen ersten Beiträge dieser Blogreihe gesehen, welchen Einfluss unser Nervensystem mit seiner permanenten Suche nach Sicherheit auf unser Verhalten hat und wie unterschiedlich Kinder auf Situationen reagieren können.


Wir dürfen daher achtsam beobachten, wie Kinder auf bestimmte Veränderungen und Situationen reagieren. Wenn sich das kindliche Verhalten verändert, gilt es genauer hinzuschauen. Sind Stressreaktionen erkennbar? Wie Stressreaktionen von Kindern aussehen können, schauen wir uns im nächsten Beitrag genauer an.


3 Impulse für den Alltag


🔍 1. Schau bei dir selbst hin:

Beobachte dich im Alltag: Wie geht es dir gerade? Bist du ruhig oder gestresst? Ist dein Atem flach oder tief? Bist du präsent – oder innerlich schon drei Schritte weiter? Je besser du dich selbst wahrnimmst, desto eher kannst du dich auch in herausfordernden Situationen stabil halten.


👀 2. Werde zum Verhaltensforscher:

Wenn dein Kind „auffällig“ wird: Werde neugierig statt streng. Frag dich: Was sehe ich gerade? Was zeigt mein Kind mit seinem Körper? Was könnte dahinterstecken? Warum verhält es sich so? Das Nervensystem spricht über den Körper – und manchmal ist Verhalten einfach ein stiller Hilferuf.

 

🩵 3. Bleib verbunden – auch wenn’s turbulent wird:

Du musst nicht immer die perfekte Lösung haben. Oft reicht es, wenn du ruhig bleibst, atmest, präsent bist. Deine eigene innere Ruhe ist oft das, was dein Kind am meisten braucht.


Ausblick: Wenn Verhalten zur Sprache wird


In den nächsten Beiträgen dieser Reihe schauen wir noch genauer hin:


  • Stress hat viele Gesichter: Wie können Stressreaktionen bei Kindern aussehen?

  • Welche Nervensystem Zustände stecken hinter bestimmten Verhaltensweisen?

  • Wie kann ich das Verhalten meines Kindes besser „lesen“? Wir werfen einen Blick auf alltägliche Situationen – und was sich hinter scheinbar „auffälligem“ Verhalten oft wirklich verbirgt.

  • Warum viele Verhaltensauffälligkeiten eigentlich Bewältigungsstrategien sind

  • Was bei emotionalem Stress im kindlichen Gehirn passiert

  • Was das Stresstoleranzfenster ist

  • Wie du dein Kind in starken Gefühlen begleiten kannst


All das hilft dir, die Sprache hinter dem Verhalten besser zu verstehen, bewusster agieren zu können und die Beziehung zum Kind zu stärken.



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