Wenn das Nervensystem Alarm schlägt: Über Stressoren und Bedürfnisse
- Sabrina Ritz
- 5. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Sept.
Im letzten Beitrag ging es darum, warum es in der Begleitung von Kindern hilfreich ist, die Prozesse in unserem Nervensystem zu verstehen. Wir haben gesehen: Das Verhalten von Kindern ist oft nicht willentlich, sondern körpergesteuert – das Nervensystem entscheidet mit.
In diesem Beitrag schauen wir genauer hin: Was kann dahinter stecken, wenn das Nervensystem in Alarmbereitschaft geht? Und warum können scheinbar kleine Dinge bei Kindern grossen Stress auslösen?
Ich gehe hier bewusst nicht auf eine bestimmte Altersgruppe ein – mir geht es darum, die grundlegenden Prozesse im Nervensystem verständlich zu machen. Denn unabhängig vom Alter laufen dieselben biologischen Schutzmechanismen ab. Wer diese Grundprinzipien versteht, kann Stresszeichen besser erkennen – und Kinder achtsamer begleiten.

Stress ist nicht gleich Stress
Wie wir im letzten Beitrag gesehen haben, hat das autonome Nervensystem eine zentrale Aufgabe: unser Überleben zu sichern. Uns zu schützen. Es scannt permanent, ob wir sicher sind – körperlich, emotional und sozial. Alles, was das System als potenzielle Bedrohung einstuft, kann eine Alarmreaktion auslösen und den Körper in einen Stresszustand versetzen.
Doch was bewertet unser Nervensystem überhaupt als "Gefahr"?
Unerfüllte Grundbedürfnisse als potenzielle Gefahr
Hinter jeder Stressreaktion steht meist ein oder mehrere unerfüllte Grundbedürfnisse – wie etwa nach Verbundenheit, Schutz, körperliche Unversehrtheit, Orientierung oder Autonomie.

Da Kinder zur Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse in hohem Masse auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind, erlebt das kindliche Nervensystem ein nicht erfülltes Grundbedürfnis nicht einfach nur als unangenehm – sondern oft als Bedrohung. Es meldet: „Ich bin nicht sicher“.Wichtig dabei: Nicht die äussere Situation selbst entscheidet, sondern die subjektive Einschätzung des Nervensystems. Für uns mag eine Situation harmlos wirken – für das Kind kann sie hochbelastend sein.
Beispiel: Ein Kind möchte sich allein anziehen, darf aber nicht → Bedürfnis nach Autonomie wird blockiert → das Nervensystem reagiert mit Übererregung (z. B. Wut, Schreien).
Jedes Kind reagiert anders. Je nach Prägung des Nervensystems und auch je nach Tagesform kann diese Einschätzung sehr unterschiedlich ausfallen. Darum reagieren wir Menschen auch so unterschiedlich auf bestimmte Erfahrungen und Situationen. Manche Kinder zeigen z. B. eine starke Stressreaktion bei scheinbar kleinen Veränderungen, andere gar keine.
Zentrum für Impulskontrolle noch nicht ausgereift
An dieser Stelle ist wichtig zu ergänzen, dass der präfrontale Cortex – also der Teil des Gehirns, der für Impulskontrolle, vorausschauendes Denken und emotionale Regulation zuständig ist – erst im jungen Erwachsenenalter vollständig ausgereift ist (ca. zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr).
Kinder können sich also neurologisch bedingt noch nicht selbst regulieren. Sie brauchen uns – als regulierte, zugewandte BegleiterInnen.
Beispiele für stressauslösende Situationen
Kinder erleben täglich Situationen, die Stress auslösen können. Manche davon sind entwicklungsbedingt „normal“ und leicht als stressreich erkennbar – andere werden im Alltag häufig übersehen oder unterschätzt, obwohl sie das kindliche Nervensystem stark fordern können.
Erwartbare und eher offensichtliche Stressoren
Die folgenden Situationen gehören zum Aufwachsen dazu und dürfen Kinder fordern – wichtig ist, dass sie begleitet und ernst genommen werden:
Trennung von der Bezugsperson (z. B. Eingewöhnung in Kita oder Schule)
Einschulung oder Start in eine neue Einrichtung
Ein neues Geschwisterkind
Viele Eindrücke an einem Tag (z. B. Familienfeier, Ausflug)
Übermüdung oder Hunger
Ein Ortswechsel oder Umzug
Prüfungen, Vorträge oder Konflikte in der Schule
Emotionale Aufregung (z. B. vor einem besonderen Ereignis)
Frustration im sozialen Miteinander (z. B. Spielzeug teilen, warten müssen)
Diese Situationen sind häufig klar als stressreich zu erkennen – die Stressreaktion des Kindes erscheint nachvollziehbar.
Ein Mangel an Bindungssicherheit oder emotionaler Verbundenheit ist ein oft unterschätzter Stressfaktor für Kinder.
Versteckte und meist unterschätzte Stressoren
Diese Auslöser wirken nach aussen oft harmlos – für das kindliche Nervensystem können sie jedoch belastend sein:
Reizüberflutung durch Lärm, Licht oder visuelle Eindrücke
Unklare Abläufe oder fehlende Orientierung („Was passiert als Nächstes?“)
Wechselnde oder widersprüchliche Erwartungshaltung von Bezugspersonen
Emotionale Unerreichbarkeit der Erwachsenen (z. B. durch Stress, Ablenkung)
Nicht ernst genommen werden in Gefühlen oder Bedürfnissen („So schlimm war das doch nicht“)
Soziale Erwartungen, die überfordern („Sag jetzt Danke“)
Zu wenig Rückzugs- oder Ruhemöglichkeiten
Andauernder Zeitdruck
Wiederholte Ablehnung bei starken Gefühlen
Ständiges Funktionieren-Müssen ohne echte Entlastung
Ein Mangel an Bindungssicherheit oder emotionaler Verbundenheit – oft unterschätzt, gerade wenn Eltern stark belastet oder beruflich eingebunden sind.
Diese Stressoren wirken subtiler und bleiben deshalb leicht unbemerkt. Die Stressreaktionen der Kinder sind hier eher schwer nachvollziehbar.

Was bedeutet das für uns Erwachsenen?
Wir haben nun in diesen ersten Beiträge dieser Blogreihe gesehen, welchen Einfluss unser Nervensystem mit seiner permanenten Suche nach Sicherheit auf unser Verhalten hat und wie unterschiedlich Kinder auf Situationen reagieren können.
Wir dürfen daher achtsam beobachten, wie Kinder auf bestimmte Veränderungen und Situationen reagieren. Wenn sich das kindliche Verhalten verändert, gilt es genauer hinzuschauen. Sind Stressreaktionen erkennbar? Wie Stressreaktionen von Kindern aussehen können, schauen wir uns im nächsten Beitrag genauer an.
3 Impulse für den Alltag
🔍 1. Schau bei dir selbst hin:
Beobachte dich im Alltag: Wie geht es dir gerade? Bist du ruhig oder gestresst? Ist dein Atem flach oder tief? Bist du präsent – oder innerlich schon drei Schritte weiter? Je besser du dich selbst wahrnimmst, desto eher kannst du dich auch in herausfordernden Situationen stabil halten.
👀 2. Werde zum Verhaltensforscher:
Wenn dein Kind „auffällig“ wird: Werde neugierig statt streng. Frag dich: Was sehe ich gerade? Was zeigt mein Kind mit seinem Körper? Was könnte dahinterstecken? Warum verhält es sich so? Das Nervensystem spricht über den Körper – und manchmal ist Verhalten einfach ein stiller Hilferuf.
🩵 3. Bleib verbunden – auch wenn’s turbulent wird:
Du musst nicht immer die perfekte Lösung haben. Oft reicht es, wenn du ruhig bleibst, atmest, präsent bist. Deine eigene innere Ruhe ist oft das, was dein Kind am meisten braucht.
Ausblick: Wenn Verhalten zur Sprache wird
In den nächsten Beiträgen dieser Reihe schauen wir noch genauer hin:
Stress hat viele Gesichter: Wie können Stressreaktionen bei Kindern aussehen?
Welche Nervensystem Zustände stecken hinter bestimmten Verhaltensweisen?
Wie kann ich das Verhalten meines Kindes besser „lesen“? Wir werfen einen Blick auf alltägliche Situationen – und was sich hinter scheinbar „auffälligem“ Verhalten oft wirklich verbirgt.
Warum viele Verhaltensauffälligkeiten eigentlich Bewältigungsstrategien sind
Was bei emotionalem Stress im kindlichen Gehirn passiert
Was das Stresstoleranzfenster ist
Wie du dein Kind in starken Gefühlen begleiten kannst
All das hilft dir, die Sprache hinter dem Verhalten besser zu verstehen, bewusster agieren zu können und die Beziehung zum Kind zu stärken.
