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  • Sabrina

Spielerisch lernen - Das freie Spiel

Spielen ist nicht gleich spielen. Was für dich ein Spiel ist, muss nicht zwingend für jemand anderen auch ein Spiel sein. Es gibt ganz unterschiedliche Arten und Formen von Spiel und auch unzählige verschiedene Definitionen.


Fakt ist, dass spielen für die kindliche Entwicklung von zentraler Bedeutung ist. Das bestätigt auch der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther:

"Kinder machen die wichtigsten Lernerfahrungen, wenn sie Dinge spielerisch ausprobieren."¹

Das spielerische Lernen hilft Kindern, ein tiefes, bleibendes Verständnis für Themen zu entwickeln und wichtige Kompetenzen für ihr weiteres Leben zu erlernen. Gemäss Hüther fördert das freie Spiel in hohem Masse Vernetzungen im Gehirn.¹


In diesem Beitrag erfährst du mehr über das freie Spiel und welche Lernpotenziale es mit sich bringt. Im nächsten Beitrag werde ich aufzeigen, wie du die Magie des Spiels zur Gestaltung nachhaltiger Lernprozesse nutzen und das Spielen als Lernmethode einsetzen kannst.

Vier Jungen spielen auf einer grünen Wiese zwischen Bäumen mit einem Ball.
Das freie Spiel gilt als Entwicklungsmotor und ist unablässig für eine gesunde Entwicklung des Kindes.

Spielen ist Lernen - Lernen ist Spielen


In seinem Buch Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben beschreibt der Freibildungsexperte André Stern, warum das Spielen für die ganzheitliche Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung ist. André Stern besuchte selbst nie eine Schule und durfte sich ganz frei und in seinem individuellen Tempo entwickeln.²


Seiner Meinung nach sind "Spielen" und "Lernen" Synonyme, das eine ist nicht vom anderen zu trennen."Lernen und Spielen waren bei mir auf das Engste miteinander verbunden."² Heute ist er Musiker, Gitarrenbaumeister, Komponist, Journalist und Autor.


Vor etwa drei Jahren nahm ich an einem von André Sterns Vorträgen teil und war total fasziniert von seiner Geschichte und der Art und Weise wie er vom Spielen sprach. Die Funken der Begeisterung schwappten auf das Publikum über und den unzähligen strahlenden Augen zu urteilen, schienen sich viele TeilnehmerInnen nach diesem Vortrag wirklich ein Leben ohne Schule vorstellen zu können.



Merkmale des freien Spiels


Wenn André Stern von spielen spricht, meint er das freie kindliche Spiel. Für ihn hat das freie Spiel das grösste Lernpotential. Dem gegenüber stellt er das ernste Spiel, welches bestimmten Regeln unterstellt ist und meistens ums Gewinnen geht. In folgendem Zitat hebt Stern die Wichtigkeit des freien Spiels hervor:

"Das [freie] Spiel ist die direkte Art, sich mit dem Alltag, mit sich und mit der Welt zu verbinden. Für Kinder ist das freie Spiel ein Bedürfnis. Eine Veranlagung, ein Hang, oft ein Drang. Es ist für das Kind eine tiefe Erfüllung." ²

Ein wichtiges Merkmal des freien Spiels ist, dass es auf intrinsischer Motivation basiert bzw. dass sich das Kind freiwillig und aus eigenem Interesse dafür entscheidet. Mit dem freien Spiel wird kein bestimmtes Ziel oder Ergebnis verfolgt - freies Spielen geschieht des Spiels Willen, nicht um etwas zu erreichen. Die Motivation liegt in der Tätigkeit selbst und wird nicht von aussen bestimmt.


Warum funktioniert das spielerische Lernen so gut?


Folgende sechs Aspekte tragen unter Anderem zum grossen Lern- und Entwicklungspotential von Spielen bei:


Ungezwungene Lernsituation


Das Spielen stellt eine ungezwungene Lernsituation dar, in der Kinder durch mitmachen und nachahmen ausprobieren, wie etwas funktioniert. Dabei lernen sie, unterschiedlichste Probleme selbständig zu lösen. Es wird nicht gelernt im schulischen Sinne, sondern lernen geschieht nebenbei.


Aktivierung emotionaler Zentren


Die Neurobiologie hat nachgewiesen, dass nachhaltiges Lernen voraussetzt, dass unsere emotionalen Zentren aktiviert sind. Lernen muss mit Emotionen verknüpft sein. Bleiben unsere emotionalen Zentren unberührt, können sich neue Informationen nicht im Langzeitgedächtnis festsetzen. Beim Spielen sind unsere emotionalen Zentren aktiviert, was eine ideale Voraussetzung für Lernprozesse darstellt.


Intrinsische Motivation


Im Gegensatz zur extrinsischen Motivation, die durch äussere Anreize geschaffen wird, ist bei einem intrinsisch motivierten Kind ein innerer Antrieb vorhanden. Es will etwas aus eigenem Interesse, aus Freude machen. Die intrinsische Motivation entspricht dem angeborenen Drang Neues zu entdecken. Äussere Anreize wie beispielsweise Belohnungen, Punkte oder Lob können negative Auswirkungen auf die intrinsische Motivation haben.


Wiederholung als Verinnerlichung


Durch die stetige Wiederholung in Spielen kann Gelerntes vertieft und verinnerlicht werden. Die Möglichkeit zur Wiederholung minimiert zudem die Angst vor dem Versagen und schenkt Sicherheit. André Stern mein dazu:


"Spielen ist die Welt, in der wir nachahmen und kopieren dürfen. Es gibt uns die Sicherheit der Simulation, es ermöglicht uns, Dinge wiederholt zu erleben, die sonst gefährlich oder unmöglich wären." ²

Flow -Zustand


Flow ist der Zustand völliger Vertiefung. Wir gehen ganz in der Tätigkeit auf, sind ganz bei uns selbst und vergessen dabei alles rund um uns herum. Dies geschieht sehr oft beim Spielen. Eine wichtige Voraussetzung, dass ein Flow-Zustand entstehen kann, ist ein optimaler Anforderungsgrad.


Wir sollten herausgefordert sein, aber nur soviel, dass wir uns der Aufgabe noch gewachsen fühlen und nicht überfordert werden. Sobald wir unterfordert sind, wird es jedoch wieder langweilig und das Interesse an einer Aufgabe schwindet. Sind wir so richtig im Flow, werden Glückshormone ausgeschüttet und es kommt zur Vernetzung der Neuronen im Gehirn.


Aktiv, handelnd


Beim Spielen sind wir aktiv beteiligt. Mehrheitlich basieren Spiele auf konkreten Handlungen (bspw. würfeln, mit der Figur weiterrücken, Karten umdecken) und ermöglichen ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Diese aktive und haptische Komponente ist für viele Kinder sehr wichtig und fördert den Lernprozess.



Wie du anhand der obengenannten Aspekte die Magie des Spielens auch fürs schulische Lernen nutzen kannst, erfährst du im nächsten Beitrag.


Ein kleiner Junge spielt mit Laubblättern.
Ideale Voraussetzungen für das freie Spiel findet man in der Natur.


Wie kann ich das freie Spiel bei meinen Kindern fördern?


Auch Nando Stöcklin, Autor vom Buch "Spiel dein Leben", hebt das grosse Potential des freien Spiels hervor. In seinem Blogbeitrag³ gibt er Ratschläge, wie du als Elternteil optimale Voraussetzungen für das freie Spiel schaffen kannst. Im Folgenden teile ich mit dir einige seiner Tipps und ergänze sie mit persönlichen Ratschlägen:

  • Schenke deinem Kind möglichst viel Zeit fürs freie Spiel. Leider ist es so, dass auch Kinder heutzutage oftmals schon einen total verplanten Alltag haben. Daher ist ein erster wichtiger Schritt zur Förderung des freien Spiels, den Kindern freie Zeit zu schaffen. Das ist mitunter ein Grund, warum ich Homeschooling so wertvoll finde. Die Kinder haben viel mehr Zeit zum Spielen, zum Kind sein.

  • Keine Angst vor Langeweile: Viele Eltern haben das Gefühl, dass sie ihre Kinder ständig beschäftigen und ihnen immer wieder was Neues bieten müssen. Und dabei steckt in der Langeweile so viel Potential. Versuch einmal Langeweile zuzulassen und du wirst sehen, plötzlich entstehen ganz neue Ideen und Möglichkeiten. Kinder lernen dadurch selbst etwas zu erschaffen und entdecken die unendlichen Ressourcen ihrer Fantasie.

  • Biete deinem Kind eine breite Palette an Inspirationsmöglichkeiten. Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen lernen. Es ist wichtig, dass wir als Erwachsene den Kindern eine grosse Palette an Inspirationen bieten, die es ihnen erlaubt, stets Neues zu entdecken. Dabei spielt eine anregende Umgebung, durch die Kinder mit verschiedensten Themen in Berührung kommen, eine wichtige Rolle.

  • Biete deinem Kind Ressourcen, um sich zu vertiefen. Ich spreche dabei auch gerne von einem Buffet. Als Erwachsene haben wir die Aufgabe, unseren Kindern ein reichhaltiges Buffet an Ressourcen (Bücher, diverse Spielmaterialien, Naturmaterialien...) zu bieten, die das Kind zur vertieften Auseinandersetzung - zum Spiel - anregen.

  • Mitspielen und nach den Regeln der Kinder spielen: Das freie Spiel kannst du als Elternteil auch fördern, indem du selbst mitspielst. Dabei ist aber wichtig, dass du das Kind bestimmen lässt und dich nach seinen Ideen und Regeln richtest. Dies kann eine sehr wertvolle Erfahrung sein, da du dein Kind von einer ganz neuen Perspektive wahrnehmen kannst.

  • Spielen in der Natur: Die Natur ist ein idealer Ort für das freie Spiel. Es gibt so viel zu entdecken und unzählige Materialien, die mit kindlicher Kreativität zum Spielen eingesetzt werden können.


Zum Schluss noch ein Zitat des amerikanischen Psychologen Scott Barry Kaufmann, welches viele Aspekte rund ums Spielen sehr passend auf den Punkt bringt:


Spielen macht Spass und ist die einfachste, natürlichste und schönste Weise, unbewusst und ganz nebenbei zu lernen. Es ist die kindliche Art, die Welt auf fantasievolle Weise zu erkunden und im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen.

Ich hoffe, dass ich dir mit diesem Beitrag neue Inputs zum Thema Spielen mitgeben konnte und du dir und deinen Kindern (noch) mehr Zeit zum freien Spiel schenken wirst. ⭐️


👉🏼 Im nächsten Beitrag gehts weiter mit "Spielerisch lernen - Das Spiel als Lernmethode". Du wirst erfahren, wie du die Magie des Spiels nutzen kannst, um nachhaltige Lernprozesse zu gestalten.





Literatur:


¹ Gerald Hüther, Migros Zeitung vom 03.05.2021, S. 18-20

² André Stern, Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben, Elisabeth Sandmann Verlag, 2017 *

³ Nando Stöcklin, Blogbeitrag Magie des Spielens



Weitere Lesetipps:


André Stern, Begeisterung - Die Energie der Kindheit wiederentdecken *

Gerald Hüther, Christoph Quarch, Rettet das Spiel! - Weil Leben mehr als Funktionieren ist *

Nando Stöcklin, Spiel dein Leben - Über die Leichtigkeit des Lebens *

Nando Stöcklin, Blogbeitrag Spielen ist wichtig: Die 10 wichtigsten Gründe



 


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