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Spielerisch lernen - Das Spiel als Lernform

Neurowissenschaftler, Psychologen und auch Pädagogen sind sich einig: Im Spiel entwickeln Kinder wichtige Kompetenzen und Fertigkeiten für das spätere Leben.


Im letzten Beitrag"Spielerisch lernen - Das freie Spiel" haben wir uns mit dem freien Spiel auseinandergesetzt, welches keinen Regeln bedarf und vollumfänglich freiwillig und intrinsisch motiviert geschieht. Der Zweck des freien Spiels liegt im Spielen selbst.

Ein Kind, das frei spielen darf, wird sich von ganz allein entwickeln und intuitiv einen Schwierigkeitsgrad wählen, der zu seinen individuellen Fähigkeiten passt.¹

In diesem Beitrag richten wir den Fokus auf das Spiel als Mittel zum Lernen. Dabei werfen wir zuerst einen Blick auf die vier zentralen Kompetenzen und wie du Spiele anleiten und begleiten kannst. Danach teile ich mit dir sechs Spielempfehlungen. Und zum Schluss erhältst du noch konkrete praktische Tipps, wie du bereits mit minimalem Aufwand Lernprozesse spielerisch gestalten kannst.


Ein wichtiger Hinweis vorweg: Spielerisch lernen bedeutet nicht, dass ständig Spiele gespielt werden. Eine Aufgabe kann bereits mit kleinsten Anpassungen einen spielerischen Charakter erhalten und für Kinder dadurch attraktiver und motivierender sein.


Förderung vier zentraler Kompetenzbereiche


Aus der Spielforschung² wissen wir, dass das Spiel vor allem folgende vier zentralen Kompetenzbereiche fördert:

  • Emotional: Die Kinder lernen beim Spielen, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu verarbeiten. Frust, Enttäuschungen und Ärger werden besser bewältigt und die Ausdauer und Belastbarkeit gestärkt. Auch ein gesunder Umgang mit Fehlern kann im Spiel gefördert werden.

  • Sozial: Da Spiele mehrheitlich gemeinsam mit anderen gespielt werden, lernt das Kind dem Gegenüber zuzuhören, Regeln einzuhalten, abzuwarten, bis es an der Reihe ist und übt sich in Kooperationsbereitschaft.

  • Motorisch: Kinder trainieren ihre Reaktionsfähigkeit, Auge-Hand-Koordination (vor allem bei kleineren Kindern), Grob- und Feinmotorik und bei Bewegungsspielen oftmals auch Balance-Empfinden.

  • Kognitiv: Bei vielen Spielen wird die Gedächtnisleistung, das logische Denken, die Konzentrationsfähigkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, die Fantasie und auch ein besseres Zahlen-, Farb- und Formverständnis gefördert. Zudem wirkt sich Spielen äusserst positiv auf die Entwicklung der Sprache aus.

Je nach gewählter Spielform wird der ein oder andere Kompetenzbereich mehr oder weniger gefördert.


Sechs Kinder liegen auf dem Boden und spielen mit Duplo.
In diesem Konstruktionsspiel werden emotionale, kognitive, soziale und motorische Kompetenzen gefördert.


Deine Rolle als SpielbegleiterIn


Dr. Dina Beneken ist Spieletesterin und Lerntherapeutin mit dem Schwerpunkt spielerische Förderung. Im learn2learn Kongress³ teilt sie täglich ein neues Spiel und gibt wertvolle Tipps, wie wir als Erwachsene unsere Kinder im Spiel begleiten und unterstützen können.


Hier sind einige ihrer Tipps zusammengefasst:

  • Spiele begleiten: Beneken betont, dass es wichtig ist, Kinder bei Lernspielen zu begleiten und anzuleiten. Wenn immer möglich, empfiehlt sie Eltern und LernbegleiterInnen mit den Kindern mitzuspielen.

  • Spielspass: Das Spiel sollte dir selbst auch Freude bereiten und nicht nur dem Kind. Wähle daher Spiele aus, die auch du gerne spielst.

  • Differenzieren: Spielregeln können oftmals ganz einfach adaptiert und differenziert werden. Dies ist sehr wichtig, damit das Kind weder überfordert noch unterfordert ist und das Interesse am Spiel behält. Der Anforderungsgrad sollte dem Lernniveau des Kindes entsprechen. Wenn du als Erwachsene/r mitspielst, könnt ihr gemeinsam Zusatzregeln einführen, damit das Kind nicht ständig verliert. Entweder eine Regel, die es dir als Erwachsene schwieriger oder eine, die es dem Kind einfacher macht.

  • Geschickt verlieren: Bei einigen Spielen ist es auch möglich, als Erwachsene geschickt zu verlieren. So kannst du beispielsweise beim UNO, deine letzte Karte nicht abgeben und weiter Karten aufnehmen. Dabei ist es aber wichtig, dass das Kind nicht merkt, dass du absichtlich verlierst. Und natürlich darf das Kind auch verlieren. Dies ist sehr wichtig, damit es den Umgang mit Frust lernt.

  • Offenheit für Ideen der Kinder: Es ist auch wichtig, für die Ideen und Kreativität der Kinder offen zu sein. Einige Kinder lieben es, eigene Regeln zu erfinden, das Spiel auch etwas abzuwandeln. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ganz tolle neue Spiele entstehen können.

  • Achtsame Fehlerkultur: Als Erwachsene nehmen wir beim Spielen mit unseren Kindern eine wichtige Vorbildfunktion ein. Wie gehen wir mit eigenen Fehlern um? Bsp. Ihr spielt gemeinsam ein Buchstabierspiel. Dabei erhältst du als Elternteil ganz schwierige Wörter (z.B. Akquisition) und machst einen Fehler. Das Kind korrigiert dich und sagt: "Mami, das ist falsch." Wie reagierst du darauf? Dein Kind beobachtet genau wie du selbst mit Fehlern umgehst. Wir als Erwachsene erhalten dadurch auch die Chance, mehr Verständnis dafür zu entwickeln, welche Gefühle das "Fehlermachen" bei Kindern auslösen kann.

  • Achtsame Feedbackkultur: Auch bezüglich Feedback nehmen wir eine Vorbildfunktion ein. Wie teilen wir den Kindern mit, wenn sie einen Fehler gemacht haben? Wir sollten uns diesem Rollenmodell bewusst sein und eine achtsame Feedback- und Fehlerkultur pflegen.

💡TIPP: Auf ihrem Youtube Kanal teilt Beneken immer wieder wertvolle Tipps rund ums Thema Lernen. Hier ist eines ihrer Videos, in dem sie ein Spiel vorstellt zum Festigen des Einmaleins.



Sechs Spielempfehlungen


Spiele können grundsätzlich in allen Phasen des Lernprozesses eingesetzt werden. Je nach Zeitpunkt und Zweck kannst du eine andere Spielform wählen. Sei es ein Konzentrationsspiel zum Einstieg in den Schultag, um beide Gehirnhälften zu aktivieren und voller Energie in den Tag zu starten, ein Bewegungsspiel zur Auflockerung für Zwischendurch oder ein Lernspiel in einer Vertiefungsphase um Gelerntes zu verinnerlichen.


Im Folgenden teile ich mit dir 6 Spiele, die ich gerne in meinen Lernbegleitungen verwende. Du erfährst jeweils auch, welche Bereiche damit gefördert werden.


Jungle Speed

  • Förderbereich: Aufmerksamkeit/Konzentration, visuell-räumliche Verarbeitungsgeschwindigkeit

  • Zeitpunkt: zur Aktivierung zu Beginn des Unterrichts oder als spassiger Abschluss

  • Beschreibung: In Jungle Speed ist ein Karten- und Reaktionsspiel, bei dem die Spieler versuchen, ihren verdeckten Kartenstapel loszuwerden. Reihum wird eine Karte aufgedeckt. Die Schwierigkeit: Die Karten ähneln sich sehr stark! Bei bestimmten Kombinationen muss nach einem Holz-Totem gegriffen werden, der Letzte erhält neue Karten. 2 - 8 Personen, besonders gut mit 6 Spielern


SET

  • Förderbereich: Flexibilität, Umstellfähigkeit, Farb- und Formverständnis, Konzentration, visuell-räumliche Verarbeitungsgeschwindigkeit

  • Zeitpunkt: zur Aktivierung zu Beginn des Unterrichts, als spassiger Abschluss oder zur Auflockerung für Zwischendurch

  • Beschreibung: Kartenspiel ab 2 Spielern. Die Figuren auf den Karten unterscheiden sich jeweils in 3 verschiedenen Farben, Formen, Füllungen und Anzahlen. Bestimmte Kombinationen sind ein SET. Ziel ist es, möglichst viele SET's zu sammeln. Der Schwierigkeitsgrad kann mit angepassten Regeln adaptiert werden. (Bsp. nur Form und Farbe müssen gleich sein)


Mastermind

  • Förderbereich: logisches Denken, strategisches Denken, planen, kombinatorische Fähigkeiten

  • Zeitpunkt: in Mathe passend zum Thema "Kombinieren", zur Beruhigung nach eher lauten und aktiven Phasen

  • Beschreibung: Logikspiel für 2 Spieler: Schaffst du es, den Farbcode zu knacken? Dein Spielpartner erstellt einen Farbencode, den du durch geschicktes Kombinieren und sukzessive Vermutungen knacken sollst.


IQ-Candy

  • Förderbereich: visuell-räumliche Funktionen (bauen, konstruieren), Feinmotorik

  • Zeitpunkt: zur Beruhigung nach eher lauten und aktiven Phasen

  • Beschreibung: Puzzlespiel: Kannst du alle bonbonfarbenen Puzzleteile auf das Spielbrett legen? 60 Aufgabenkarten vom Junior bis zum Wizzard Level


Schiffe versenken

  • Förderbereich: Wortschatz in der Fremdsprache üben und vertiefen, Orientierung in Tabellen und Koordinatensystemen

  • Zeitpunkt: Vertiefungsphase: Die Wörter, die im Spiel vorkommen sollten bereits eingeführt und für das Kind klar verständlich sein.

  • Beschreibung: Zum gezielten Wortschatz Training, 2 Spieler. Jeder Spieler versteckt in seinem Koordinatensystem eine kleine Flotte von Schiffen (oder je nach Thema auch etwas anderes) vor seinem Gegner. Derjenige, der zuerst alle Schiffe des Gegners komplett getroffen und versenkt hat, gewinnt. Auch in den Lehrmitteln "Dis Donc" und "Young World" wird "bataille navale" bzw. "battleship" als Lernmethode verwendet. Das Kind repetiert den Wortschatz, indem es immer wieder nachfragt, in welchem Feld der Spielpartner sein Schiff/Tier etc. versteckt hat. Es können auch eigene Vorlagen für bestimmte Themengebiete entwickelt werden. Unten im Beispiel Französisch: Zahlen werden repetiert, im Beispiel Englisch: das Alphabet.


Eigene Rätsel erstellen

  • Ziel: Gelerntes repetieren und vertiefen, eigenes Wissen wiedergeben und auf den Punkt bringen, zentrale Fakten noch einmal zusammentragen

  • Zeitpunkt: zum Schluss eines Themas

  • Beschreibung: Im NMG können die Kinder das Gelernte repetieren, indem sie selber ein Rätsel inklusive Lösung für ein anderes Kind oder einen Erwachsenen zum Thema erstellen. Bsp. Kreuzworträtsel, Quiz, Suchsel/Wortgitter


Wie du siehst, sind das alles recht simple Spielideen. Sicherlich kennst du das ein oder andere Spiel bereits. Häufig muss man gar nicht weit suchen 😉


👉🏼Hier ist eine Liste mit unzähligen Spielempfehlungen geordnet nach Förderbereichen von Dr. phil. Barbara Ritter, spielbegeisterte Neuropsychologin.


Wie du mit minimalem Aufwand Lernsituationen spielerisch gestalten kannst


Beim spielerischen Lernen werden die Aspekte des Spiels als Mittel genutzt, um das Lernen attraktiver und motivierender zu gestalten. Sind die Kinder im Spiel vertieft, geschieht das Lernen nebenbei, auch wenn wir als Lernbegleiter/Eltern dabei klare Ziele verfolgen.


Spielerisch lernen bedeutet für mich nicht, dass ständig Spiele gespielt werden. Eine Aufgabe erhält bereits einen spielerischen Charakter, wenn sie als "Challenge" formuliert ist. Kinder sind automatisch motivierter, wenn sie hören, dass sie nun eine Challenge lösen dürfen.


Hier sind ein paar Ideen, mit denen du Lernen ganz einfach spielerisch gestalten kannst:

  • Wortschatz: Verwende in Lernsituationen Spiel-Wortschatz: Statt negativ geprägte Begriffe wie Aufgaben erhält dein Kind nun Missionen, Challenges oder ganz einfach Herausforderungen. Du kannst auch die Matheaufgaben in Levels einteilen und dein Kind kann von einem Level ins nächste aufsteigen.

  • Profi werden: Anstatt einfach so Aufgaben zu lösen, damit sie gelöst sind, kann das Ziel das Erreichen eines bestimmten Status sein."Werde zum Verben Profi." oder "In den nächsten 4 Wochen wirst du zur Expertin der schriftlichen Division". Ziel ist dann auch, dass das Kind sein Wissen weitergeben kann, indem es jemand anderem das Gelernte erklärt, ein Erklärvideo erstellt oder Ähnliches.

  • Zeitlimite: Viele Kinder (und auch Erwachsene) sind viel produktiver, wenn sie innerhalb einer bestimmten kurzen Zeit etwas erledigen sollen. Auch das ist ein spielerischer Aspekt. Mit der passenden Formulierung wird eine langweilige Aufgabe schnell zu einer motivierenden Challenge: "Schaffst du es in 15min diese 10 Aufgaben zu lösen?" Oder beim Sprachenlernen: "Wieviele Wörter kannst du in 1min auswendig lernen/aufschreiben?" Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

  • Wettkampf: Die Kinder, die ich begleite, sprechen sehr gut auf Mini-Wettkämpfe an. "Wer schafft es die Aufgabe unter einer Minute zu lösen?" Sie lieben es auch gegen mich anzutreten. Ein Beispiel von dieser Woche: "Wer schafft es, mit allen 10 Ziffernkarten (Zahlen von 0 bis 9) die Zahl zu finden, die am nächsten von 900'000 liegt?" Dies ist natürlich je nach Lernniveau beliebig anzupassen.


Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Beitrag neue Ideen aufzeigen, wie du Lernen spielerisch gestalten kannst. Sei es mit konkreten Spielen oder durch kleine Anpassungen mit spielerischem Charakter.


🚀 Challenge: Wer schafft es, eine dieser Ideen und Tipps gleich in der folgenden Woche umzusetzen?





Quellen:

³ Akademie für Lernmethoden, learn2learn Kongress

Dr. phil. Barbara Ritter, Broschüre Förderung und Erhaltung von Hirnfunktionen mit Gesellschaftsspielen




Weitere Tipps:

Nando Stöcklin, Spiel dein Leben - Über die Leichtigkeit des Lebens *


 


Wie immer freuen wir uns auf dein Feedback.


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