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  • Sabrina

Selbstbilder: Was 4. Klässler über sich selbst denken 💭

«Ich habe heute gelernt, dass viele Menschen nicht so sind, wie sie scheinen.» Das ist eine der drei Erkenntnisse, die Lena* aus der 4. Klasse aufgeschrieben hat, nachdem wir gemeinsam mit der ganzen Klasse über das eigene Selbstbild reflektiert haben.


Doch erst Mal ganz von vorne. Neben meiner Selbständigkeit mache ich gelegentlich noch kurze Stellvertretungen auf der Primarstufe. Diese ermöglichen mir Einblicke in diverse Schulhäuser, Klassen und Lernumgebungen. Ich nehme euch in diesem Beitrag mit ins Klassenzimmer einer 4. Klasse, bei der ich im März 2022 zwei Tage als stellvertretende Lehrerin unterrichtet habe.


Zwei Tage, die es in sich hatten.

Zwei Tage, die viel von mir gefordert hatten.

Zwei Tage mit einer Klasse, die eine Achterbahn der Gefühle in mir ausgelöst hat. 🎢

Zwei Tage, die mir einen Einblick in die Gedankenwelt und Selbstbilder von 18 Kinder gewährten.

Zwei Tage mit vielen Erkenntnissen für mich und auch für die Kinder. 💡


Ein Mädchen sitzt mit einem kleinen Spiegel im Gras.
Unser Selbstbild beeinflusst wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir durchs Leben gehen.

Spannungsfeld Klassenzimmer


Wie so oft wurde ich von der Lehrperson vorgewarnt mit "Die Klasse ist schwierig. Sie brauchen klare Grenzen. Die Leistungsschere ist gross, einzelne ganz intelligente und viele schwache Kinder, kein Mittelfeld."


Da ich solche Aussagen schon oft gehört habe, liess ich mich nicht davon beirren und versuchte, möglichst unvoreingenommen vor die Klasse zu treten. Meine Überzeugung ist es, dass die innere Haltung einer Lehrperson einen enormen Einfluss auf das Klassenklima hat. Wenn ich als Lehrperson Ruhe und Vertrauen ausstrahle, wirkt sich dies auch positiv auf die Kinder aus.


Ich hatte vor, mit den Kindern mit Achtsamkeitsübungen in den Tag zu starten und danach das Thema Growth Mindset zu erarbeiten.


Ankommen und herunterfahren


Die Ankunft der Kinder im Klassenzimmer am Montagmorgen ähnelte einem Sturm: Es war laut, chaotisch, unruhig, die Kinder wirbelten im Zimmer herum, einige Streitereien waren im Gange.


Ich blieb ruhig und startete wie geplant mit einer ruhigen Ankunftsphase: entspannte Hintergrundmusik, malen, mit dem Wetterbericht "Wie geht es mir heute"und einer Dankbarkeitsübung. (👉🏼 Mehr über den Wetterbericht findest du auch in unserem Instagrambeitrag.)


Beim Wetterbericht teilten einzelne Kinder mit, dass bei ihnen Regen herrscht - dass sie traurig sind. Die Mehrheit der Klasse befand sich beim Mond (Ich fühle mich müde). Dieser achtsame Start half den Kindern erstmals ein bisschen zur Ruhe zu kommen.


"Ich bin dankbar, dass wir zur schönen Musik malen durften." Mario*, 4. Klasse

Ja, die Kinder waren etwas irritiert, einige brauchten etwas Zeit, sich darauf einzulassen. Es war ganz neu für sie, so in den Schultag zu starten. Die Kinder haben es sehr geschätzt. Ein Junge sagte bei der Dankbarkeitsübung:"Ich bin dankbar, dass wir zur schönen Musik malen durften."


Unruhe und Chaos


Die erste Lektion verlief recht ruhig. Gemeinsam mit der Klassenassistenz starteten wir mit einer Mathematik Lektion. Nach und nach begann es unruhiger zu werden. Die Atmosphäre im Raum schien wie ein brodelnder Vulkan. Viele Kinder waren stark im Aussen, schienen sich selbst gar nicht zu spüren. Sie mischten sich bei MitschülerInnen ein, beleidigten einander und kommentierten oft, was sich schnell einmal hochschaukelte.


Im Verlauf des Tages brach immer wieder mal Chaos aus. Ich stellte bald einmal fest, dass die Basis fürs Lernen fehlte. Eine angenehme, ruhige Lernatmosphäre war jeweils nur von kurzer Dauer. Wie konnte sich so jemand aufs Lernen konzentrieren? Ich nahm dauernd Spannungen im Raum war, Unruhe. Es war eine echte Herausforderung, diese Wellen der Unruhe zu glätten.


Was mich am meisten überraschte: Für die Kinder war es normal! "Das ist immer so bei uns", meinten sie.


Perspektivwechsel


Ich war mir durchaus bewusst, dass nicht die Klasse an sich oder die Kinder schwierig sind. Das Verhalten der Kinder spiegelte lediglich ihre Innenwelt. Es ist vielmehr ein Hilferuf als ein böswilliger Akt. Einige Kinder waren komplett überfordert mit ihren Gefühlen, ihren Gedanken und brachten viele Themen von zu Hause mit in die Schule.


Von der Klassenlehrperson wusste ich, dass ein paar Kinder in ganz schwierigen familiären Situationen sind.


Die fehlende Stabilität zuhause bewirkt Ängste & Sorgen, was zu einer emotionalen Überforderung und diese wiederum zu Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Dadurch beginnt das Kind zu stören, es verliert den Anschluss, hat schlechte Noten, erhält negative Feedbacks, wodurch sich ein negatives Selbstbild etabliert. Dieses Selbstbild beeinflusst wiederum das Verhalten, führt zu mehr Frust und ein Teufelskreis entsteht.


Das störende Verhalten von Kindern ist vielmehr ein Hilferuf als ein böswilliger Akt.

Mir ist bewusst, dass die Schule nicht alle Probleme von zu Hause auffangen kann. Was die Schule jedoch beitragen kann: Die Kinder von innen stärken, sie dabei begleiten, ein positives Selbstbild zu entwickeln und über die eigenen Ressourcen bewusst zu werden. 🙏🏼


Und dies habe ich in den beiden Tagen meiner Stellvertretung mit den Kindern versucht.


Das eigene Selbstbild reflektieren


Im Verlauf der Stellvertretung arbeitete ich mit den Kindern am Workbook "Ein Growth Mindset entwickeln". Folgende Inhalte wurden thematisiert:

  • Sich über die eigenen Gedanken bewusst werden

  • Den Unterschied zwischen einem Growth Mindset und einem Fixed Mindset verstehen

  • Negative Glaubenssätze durch positive, stärkende Gedanken (Affirmationen) ersetzen

  • Verstehen, dass das Gehirn veränderbar ist und dass es wie ein Muskel trainiert werden kann

Es wurde bald einmal ersichtlich, dass viele Kinder der Klasse ein negatives Selbstbild haben. Es zerriss mir fast das Herz, als ich hörte und auch las, welche Gedanken einige Kinder über sich selbst haben.


Auch wenn ich grundsätzlich den Fokus stets auf das Positive richte, möchte ich im Folgenden von drei Kindern berichten, die ein sehr schlechtes Selbstbild haben. Dies um aufzuzeigen, was in den Köpfen einiger Kinder vorgeht.

Es zerriss mir fast das Herz, als ich hörte und auch las, welche Gedanken einige Kinder über sich selbst haben.

"Ich bin ein Noob. Ich bin kaltblütig."


Zu einem Jungen schien es am ersten Tag ganz schwierig eine Beziehung aufzubauen. Er kehrte mir den Rücken zu, wenn ich zu ihm sprach. Sein Körper und sein Gesicht wirkte ständig stark angespannt. Er vermied jeglichen Blickkontakt. Die Arbeit hat er meist verweigert.

Als es darum ging, die Gedanken über sich selbst aufzuschreiben, notierte

er: "Ich bin ein Noob". Auf mein Nachfragen hin erklärte er mir, was er damit meinte: "Ich bin dumm. Ich bin blöd. Ich kann nichts."


Dieser Junge hat am kommenden Tag die Affirmationskarte gezogen "Ich bin liebevoll." Als er das las, wollte er mir die Karte zurückgeben mit dem Kommentar "Das geht gar nicht. Ich bin kaltblütig."


Ich konnte in seinen Augen erkennen, dass er davon wirklich überzeugt war. Dieser Blick und seine Worte haben mich zutiefst erschüttert. Wie kann ein 4. Klässler sowas von sich denken?




Auch als es darum ging, positive Sätze über sich selbst aufzuschreiben, konnte er keinen einzigen Satz oder positiven Gedanken finden. Er zeichnete in alle vorgegebenen Sprechblasen ein Fragezeichen hinein.


Unsere Worte sind so unglaublich machtvoll. Wir sollten sie mit Bedacht wählen.

Als ich nachfragte, warum er diese negativen Gedanken von sich hat, meinte er: "Alle sagen das zu mir." Und ich spürte, wie verletzt er war und sah die tiefe Traurigkeit in seinen Augen. Gemeinsam schlossen wir einen Pakt: "Ab sofort schenkst du solchen Aussagen keinen Glauben mehr, denn DU BIST EIN GESCHENK FÜR DIESE WELT. Du bist so ein toller Junge." Ein erstes Lächeln huschte über sein Gesicht. 💛


Danach half ich ihm dabei einen einzigen Satz zu finden, der ihn bestärkt und den er ab jetzt in seinen Gedanken tief abspeichert und immer wieder aufsagt. Er entschied sich für "ICH BIN GENAU RICHTIG SO WIE ICH BIN." Für einen kurzen und doch so unglaublich wertvollen Moment nahm ich ein Funkeln in seinen Augen und ein Lächeln auf seinem Gesicht war. 🌟🦋


"Ich hasse mich"


Ein Mädchen schrieb in die Gedankenblasen folgende Sätze "Ich bin hässlich. Ich bin dumm. Ich bin so schlecht in Mathe. Ich hasse mich."


Ich musste erst einmal innehalten, als ich diese Sätze las. Daraufhin gab ich ihr den Raum, mehr über diese Glaubenssätze preiszugeben, in welchen Situationen sie auftauchen und warum sie das dachte.


Als wir später darüber gesprochen haben, was beim Lernen im Gehirn passiert, hat sie so gestrahlt. Das Mädchen schöpfte viel Selbstvertrauen aus der Erkenntnis, dass wir unser Gehirn wie einen Muskel trainieren können. Das gerade in den Momenten, in denen es sich schwierig anfühlt,


Ihre Sätze hat sie umformuliert in "Ich bin NOCH nicht gut in Mathe" oder "Ich kann aus Fehlern lernen" und "Ich bin gut so wie ich bin."


"Ich bin zu dick"


Ein anderes Mädchen notierte folgende Glaubenssätze über sich:"Ich bin zu dick","Ich schaff das sowieso nicht", "Ich kann das nicht." Sie war im Unterricht laut, redete hinein und mischte sich oft in den Angelegenheiten anderer Kinder ein.


Auch mit ihr suchte ich das Gespräch und half ihr dabei positive Sätze für sich zu finden. "Was findest du denn besonders schön an dir?"


Ihre negativen Glaubenssätze ersetzte sie unter anderem durch die stärkenden Gedanken: "Ich bin schön wie ich bin. Ich liebe mich wie ich bin."


Als sie die Affirmationskarte zog "Ich bin klug, schön und liebevoll" fragte sie mich mit leuchtenden Augen, ob sie die Karte mit nach Hause nehmen und ihrer Mama zeigen darf. ⭐️


Erkenntnisse


Die Arbeit am eigenen Selbstbild ist ein Prozess. Zwei Tage daran zu arbeiten, reicht natürlich nicht. Jedoch hoffe ich von ganzem Herzen, dass ich einige Samen säen konnte in dieser 4. Klasse und dass möglichst viele Kinder ihre positiven Affirmationen weiterhin mitnehmen und ihre Gedanken bewusster wahrnehmen.


Ganze viele Kinder haben folgende Affirmation für sich ausgewählt und notiert: "Ich glaube an mich und gebe immer mein Bestes." Wobei das Beste je nach Tagesform unterschiedlich sein darf.


Zum Abschluss hier noch einmal die Erkenntnis von der Schülerin Lena*:

«Ich habe heute gelernt, dass viele Menschen nicht so sind, wie sie scheinen.» Als ich bei ihr nachgefragt habe, was sie genau damit meint, antwortete sie: «Die Jungs, die immer so laut sind und beleidigen, die sind eigentlich ganz unsicher.»


Das nenn ich eine Erkenntnis von einer 4. Klässlerin. 🙏🏼


Auch ich habe wieder viel gelernt. Ich bin mir noch mehr darüber bewusst geworden, ...

  • ... wieviele verschiedene Welten in einem Klassenzimmer zusammentreffen.

  • ... wie wichtig es ist, Kinder positiv zu bestärken.

  • ... wie wertvoll es ist, mit den Kindern ins Gespräch zu gehen und sie nach ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zu fragen.

  • ... wie mächtig unsere Worte und unsere Gedanken sind.

  • ... und wie wenig es manchmal braucht, Kindern das Gefühl zu geben, dass sie gesehen und ernst genommen werden. 💛




Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.


Buddha


 


*Bemerkung: Die Namen der Kinder wurden abgeändert.



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⭐️ Die Tools, die ich in der Stellvertretung verwendet habe, findest du hier:


⭐️ Weitere Inspirationen findest du auch auf Instagram



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