Vor einigen Wochen erlebte ich während einer Stellvertretung in einer 2. Klasse eine Situation, die mich forderte und noch eine Weile nachklang. Ein Junge erlebte einen heftigen Wutausbruch während des Unterrichts.
Vielleicht kennst du solche Momente – als Lehrperson, als Elternteil oder in einer anderen Rolle.
In diesem Beitrag nehme ich dich mit in diese Situation – von den ersten Zeichen, die ich wahrnahm, über den Moment, in dem es eskalierte, bis hin zu einem Satz am Ende, der mich noch länger beschäftigt hat.
Zum Hintergrund
Die Klasse kannte ich bereits von einigen kurzen Einsätzen zuvor. Auch diesen Jungen hatte ich schon erlebt. Er fiel mir auf – nicht weil er besonders laut gewesen wäre, sondern weil ich bei ihm oft viel Frust wahrnahm. Motivation für schulische Aufgaben zu finden, fiel ihm schwer. Vieles blockte er direkt ab.
«Keine Lust.» «Interessiert mich nicht.»
Solche Sätze kannte ich von ihm bereits.
An diesem Tag wirkte er jedoch noch angespannter als sonst. Er redete dazwischen, sagte anderen Kindern verletzende Dinge und schien kaum zur Ruhe zu kommen. Er stand auf, setzte sich wieder hin, schob Gegenstände auf dem Pult hin und her. Mit jeder weiteren Situation schien sich die Anspannung etwas mehr aufzubauen.

Ein innerer Sturm baut sich auf
Deshalb versuchte ich bereits früh, mit ihm in Kontakt zu kommen. Ich ging zu ihm, fragte nach und machte ihm verschiedene Angebote. Ich wollte herausfinden, was ihm gerade helfen könnte.
Gleichzeitig zog sich seine Anspannung durch einen grossen Teil der Lektion. Immer wieder fiel es ihm schwer, bei der Aufgabe zu bleiben. Er kommentierte vieles, provozierte andere Kinder, rief dazwischen und schien mit jeder weiteren Situation stärker in seinen Gefühlen festzustecken.
Es war, als würde sich ein Sturm langsam aufbauen. Nicht plötzlich. Sondern Minute für Minute. Die Spannung wurde grösser, die Frustration sichtbarer.
Obwohl ich ihm immer wieder Unterstützung anbot und verschiedene Wege suchte, ihn zu entlasten, schien sich die Anspannung weiter aufzubauen. Es wirkte, als hätte sich bereits vieles angestaut und jede Kleinigkeit, die dazukam, war zuviel.
Und plötzlich sagte er:
„Warum bin ich überhaupt geboren?“
„Warum gibt es mich überhaupt?“
Diese Sätze trafen mich.
Tränen kullerten über seine Wangen.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich sagte nicht: „Das stimmt doch nicht.“ Oder: „Natürlich bist du wichtig.“ So verständlich solche Reaktionen auch wären – in diesem Moment hätte ich ihm damit vor allem seine Wahrnehmung abgesprochen.
Stattdessen sagte ich:
„Ich sehe, da ist gerade ganz viel Wut und Traurigkeit bei dir. Das ist grad richtig schwierig für dich.“
Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass dieser Satz etwas verändert hat. Vielleicht, weil ich nicht versucht habe, seine Gefühle wegzureden oder zu korrigieren. Vielleicht, weil er spüren konnte, dass das, was gerade in ihm vorging, da sein durfte. Dass seine Gefühle Raum haben durften.
Als der Sturm überhandnahm
Kurz darauf wurde es ihm zu viel. Er stand auf und rannte aus dem Schulzimmer.
Auf dem Weg durch das Schulhaus warf er mehrere Jacken von den Garderobenhaken auf den Boden. Ich ging ihm hinterher, hielt aber bewusst etwas Abstand.

Es war kurz vor der Pause. Den anderen Kindern sagte ich, dass sie ihre Aufgaben noch fertig bearbeiten und anschliessend selbstständig in die Pause gehen dürfen.
Der Junge lief weiter durch das Schulhaus und setzte sich schliesslich auf eine Bank in einer geschützten Ecke. Er machte deutlich, dass er gerade keinen direkten Kontakt wollte.
Gleichzeitig schaute er immer wieder zu mir herüber. Nicht lange. Nur kurz. Aber immer wieder. Als wollte er überprüfen, ob ich noch da war. In seinem Blick waren gleichzeitig zwei Botschaften zu erkennen: «Lass mich in Ruhe» und «Bist du noch da?».
Ich blieb zunächst in seiner Nähe. Doch ich konnte nicht die ganze Zeit bei ihm bleiben. Schliesslich trug ich auch Verantwortung für die anderen Kinder in der Klasse.
Bevor ich zurückging, sagte ich zu ihm:
„Schau, ich muss kurz zurück ins Schulzimmer. Wenn du mich brauchst, bin ich dort.“
So konnte ich ihm trotzdem signalisieren, dass ich für ihn da bin und dass er den Sturm nicht alleine durchstehen muss.
Der Sturm war noch nicht vorbei
Nach der Pause kam er tatsächlich selbstständig zurück ins Schulzimmer. Doch der Sturm war noch nicht vorbei. Innerlich kochte er immer noch. Die Wut war weiterhin deutlich spürbar und in seinem Verhalten sichtbar.
Ich versuchte, seine Gefühle von seinem Verhalten zu trennen. So sagte ich zu ihm:
„Du darfst wütend sein.“
„Die Wut darf da sein.“
„Gleichzeitig darfst du andere Kinder nicht verletzen und den Unterricht nicht stören.“
Nach einer Weile sagte er zu mir:
„Gib mir fünf Minuten.“
Ich weiss nicht, ob ihm selbst bewusst war, wie stark dieser Satz eigentlich war. Für mich war er bedeutsam. Denn plötzlich konnte er ausdrücken, was er brauchte. Er konnte wahrnehmen: Ich brauche Abstand. Ich brauche Zeit.
In Absprache mit mir setzte er sich in den Gang, direkt vor dem Schulzimmer, und ich führte den Unterricht weiter. Für mich war das kein Rückschritt. Im Gegenteil. Es war ein wichtiger Schritt.
Nicht weil die Wut verschwunden war. Sondern weil er Worte für das gefunden hatte, was er gerade brauchte.
Als ich zwischendurch nach ihm schaute, sagte er einmal zu mir: «Niemand vermisst mich.» Ein Satz, der in mir nachhallte – und der wieder aufzeigte, dass unter der Wut meist andere Gefühle verborgen liegen. Ich antwortete: «Das tut mir leid, dass es sich so anfühlt. Schau – die anderen Kinder fragen ständig nach dir.»

Der Sturm flacht langsam ab
Nach und nach wurde der Sturm ruhiger – nicht von einer Sekunde auf die andere. Immer wieder flackerte die Wut nochmals auf. Doch etwas schien bei ihm anzukommen: dass seine Gefühle Platz haben durften und die Grenzen trotzdem blieben.
Am Ende des Nachmittags machte ich mit der Klasse ein Spiel im Kreis. Ich fragte ihn, ob er mitmachen möchte. Er kam. Machte mit. Löste Aufgaben. Und irgendwann sah ich etwas, das ich an diesem Tag lange nicht gesehen hatte:
Er lächelte.
«Der Arzt hat mir gesagt, ich habe ein Wutproblem.»
Nach Unterrichtsschluss fragte ich ihn, ob er noch kurz bleiben mag. Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass er das tun würde. Bisher hatte ich ihn oft als eher abweisend erlebt. Umso mehr freute es mich, als er tatsächlich blieb.
Ich fragte ihn:
„Geht es dir wieder etwas besser? Das war heute ein ganz schön grosser Sturm.“
Und dann sagte ich noch:
„Ich fand es übrigens toll, dass du gesagt hast, dass du fünf Minuten brauchst.“
Dann schaute er mich an und sagte:
„Der Arzt hat mir gesagt, ich habe ein Wutproblem.“

Warum mich dieser Satz so beschäftigt hat
Diese Aussage des Jungen machte mich kurz sprachlos und klang noch einige Zeit in mir nach.
Ich bin mir bewusst, dass der Arzt dies vielleicht nicht genau so gesagt hat. Ich kenne den Kontext dieser Aussage nicht.
Gleichzeitig haben solche Zuschreibungen für mich viel mit Verantwortung zu tun.
Kinder können sich entwicklungsbedingt noch nicht vollständig selbst regulieren. Die Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt sich über viele Jahre hinweg – und Kinder unterscheiden sich darin teilweise sehr stark.
Wenn wir Kindern vermitteln, sie hätten ein „Wutproblem“, geben wir meiner Meinung nach viel Verantwortung an sie ab, die sie selbst noch gar nicht übernehmen können.
Die Fragen, die mich beschäftigen, lauten deshalb:
Begleiten wir Kinder durch ihre grössten Stürme? Zeigen wir ihnen, wie sie mit starken Gefühlen umgehen können? Oder machen wir sie zum Problem?
An diesem Tag habe ich keinen Jungen mit einem «Wutproblem» gesehen. Ich habe einen Jungen gesehen, der einen gewaltigen inneren Sturm durchlebte, der sich von viel Frust und Traurigkeit nährte. Einen Jungen, der von seinen Gefühlen überwältigt war und nicht wusste, wohin damit.
Anders als früher war ich gefordert, aber nicht mehr überfordert
Solche Situationen fordern uns als Erwachsene heraus. Mich auch. Vor einigen Jahren hätte mich das wahrscheinlich überfordert. Heute fordert sie mich noch – aber sie überfordert mich nicht mehr.
Vielleicht, weil ich gelernt habe, hinter das Verhalten zu schauen. Und vielleicht auch, weil ich immer wieder erlebe: Hinter starken Gefühlen steckt oft viel mehr, als wir auf den ersten Blick sehen.
In den letzten Jahren habe ich viel darüber gelernt, was Kinder in solchen emotionalen Stürmen wirklich brauchen. Über das Nervensystem. Über Stress und Überforderung. Über Co-Regulation. Und darüber, wie wir als Erwachsene Orientierung geben können, wenn Kinder selbst gerade keine Orientierung mehr finden.
Ausblick: Was hat geholfen?
Im nächsten Blogbeitrag teile ich, was diesem Jungen in seinem Gefühlssturm geholfen hat und wie ich ihn hindurch begleitet habe.
Wie immer gibt es auch hier keine Drei-Schritte-Formel und keine Patentrezepte. Aber es gibt Haltungen, Erkenntnisse und Impulse, die helfen können, Kinder in solchen Momenten besser zu verstehen und sicher durch ihre emotionalen Stürme zu begleiten.
Ein grosser Teil dieses Wissens und vieler Erfahrungen aus meiner Arbeit mit Kindern und Familien ist übrigens auch in meinen Videokurs „Emotionale Stürme verstehen und begleiten“ eingeflossen. Denn ich bin überzeugt:
Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen.
Sie brauchen Erwachsene, die bleiben. Auch wenn es stürmisch ist.

