Co-Regulation: Was Kindern in emotionalen Stürmen hilft – Ein Praxisbeispiel

Im letzten Blogbeitrag habe ich von einem Jungen erzählt, der während einer Lektion in der Schule von seinen Gefühlen regelrecht überrollt wurde.

Was zunächst mit Frust und innerer Anspannung begann, entwickelte sich zu einem heftigen Gefühlssturm. Der Junge rannte aus dem Schulzimmer, warf Jacken von den Garderobenhaken und hatte Mühe, mit seiner Wut umzugehen. Gleichzeitig zeigten sich immer wieder auch Traurigkeit, Frust und Überforderung.

Viele Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen kennen ähnliche Situationen. Ein Kind schreit, wirft Dinge herum, schlägt um sich, verletzt andere mit Worten oder zieht sich völlig zurück. Oft stellt sich dann die Frage: Was braucht ein Kind in einem solchen Moment eigentlich?

Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Anhand eines Praxisbeispiels zeige ich 7 Haltungen und Prinzipien, die in solchen Momenten unterstützend sein können. Keine Drei-Schritte-Anleitung und auch nicht als Patentlösung. Sondern als Einblick in meine Arbeit und in das, was diesem Jungen geholfen hat, langsam wieder zurück in Verbindung zu kommen – mit sich selbst und mit seiner Umgebung.

Eine Frau wendet sich liebevoll einem Jungen zu. Sie sitzen auf der Bank.
Auch ein Teil von Co-Regulation: Zuwendung, ehrliches Interesse und Verständnis zeigen.

Was Co-Regulation überhaupt ist

Vereinfacht gesagt bedeutet Co-Regulation, dass wir uns als Menschen gegenseitig regulieren. Dabei handelt es sich nicht um ein Konzept oder eine Methode, sondern um etwas zutiefst Menschliches und Biologisches.

Das passiert nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern ein Leben lang. Wir alle kennen Situationen, in denen uns die ruhige Präsenz eines anderen Menschen hilft, wieder etwas mehr Boden unter den Füssen zu spüren.

Kinder sind jedoch deutlich stärker auf diese Form der Unterstützung angewiesen. Ihre Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt sich erst nach und nach. Deshalb leihen sie sich in emotionalen Stürmen, bei Überforderung und Stress gewissermassen unser Nervensystem aus, bis sie wieder Zugang zu ihrem eigenen finden.

Wenn Kinder von starken Gefühlen überrollt werden, orientieren sie sich nicht nur an unseren Worten, sondern viel mehr an unserer Präsenz, unserer Körpersprache, unserem Tonfall und unserem inneren Zustand.

Das Spannende dabei ist: Co-Regulation geschieht nicht nur bewusst, sondern oft ganz automatisch. Das bedeutet allerdings auch, dass wir Kinder nicht nur regulieren, sondern manchmal auch dysregulieren können. Wenn wir selbst sehr gestresst, hektisch oder überwältigt sind, überträgt sich das häufig auf das Kind.

(Co-)Regulation beginnt bei uns Erwachsenen

Wenn Kinder starke Gefühle zeigen, richtet sich unser Blick oft zuerst auf das Kind. Wie können wir es beruhigen? Was sollen wir sagen? Was sollen wir tun? Welche Strategie hilft jetzt?

Co-Regulation hat jedoch viel weniger mit dem zu tun, was wir tun, als mit dem, wie wir da sind. Es geht darum, präsent zu bleiben. In Verbindung zu bleiben. Selbst möglichst verankert und bei sich zu sein. Unser eigenes Nervensystem in Balance zu halten/bringen.

Vor einigen Jahren hätte mich eine Situation wie diese wahrscheinlich überfordert. Vielleicht hätte ich versucht, die Wut möglichst schnell zu stoppen. Vielleicht hätte ich mehr erklärt, mehr diskutiert oder nach einer schnellen Lösung gesucht.

Der Unterschied liegt für mich darin, dass ich inzwischen besser verstehe, was in Kindern während solcher emotionalen Stürme passiert. Ich weiss heute, dass ein Kind in einem Gefühlssturm oft nicht auf Erklärungen zugreifen kann und dass Logik in solchen Momenten selten hilft.

Kinder brauchen in solchen Momenten keinen Erwachsenen, der den Sturm beendet. Sie brauchen einen Erwachsenen, der ihn mit ihnen aushält. Deshalb beginnt Co-Regulation bei uns Erwachsenen.

Was ich nicht getan habe

Wenn wir Kinder in einem Gefühlssturm erleben, haben wir oft das Bedürfnis, möglichst schnell etwas zu tun. Wir wollen beruhigen. Erklären. Lösungen finden. Den Sturm möglichst rasch beenden.

Heute weiss ich, dass einiges von dem, was ich früher vermutlich getan hätte, in diesem Moment wenig hilfreich gewesen wäre.

Daher habe ich nicht diskutiert. Ich habe wenig gesprochen.

Ich habe nicht versucht, ihn von seinen Gefühlen abzubringen.

Ich habe nicht gesagt: „Jetzt beruhige dich doch.“ Oder: „So schlimm ist es doch gar nicht.“

Ich habe auch nicht versucht, seine Wut möglichst schnell verschwinden zu lassen. Denn Gefühle sind nicht das Problem. Gefühle sind Informationen. Sie tragen Botschaften mit sich.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Verhalten in Ordnung ist. Aber es bedeutet, dass wir Gefühle nicht bekämpfen müssen.

Aspekte, die unterstützend sind zur Co-Regulation
Aspekte von Co-Regulation: Präsent sein, in Verbindung bleiben, Verständnis zeigen, Orientierung geben, Ruhe ausstrahlen, Zeit geben.

Wie ich den Jungen durch diesen Sturm begleitet habe

Wenn ich heute auf diese Situation zurückblicke, gab es nicht die eine richtige Intervention. Keine Zauberformel. Keinen Satz, der plötzlich alles verändert hat. Es waren vielmehr verschiedene Haltungen und Handlungen, die zusammengewirkt haben. Auf diese gehe ich nachfolgend ein.

1. Meine innere Haltung

Das Wichtigste passierte nicht in der Interaktion zwischen dem Jungen und mir, sondern in mir selbst. Ich erinnerte mich daran, dass der Junge gerade nicht gegen mich war. Sein Wutanfall hatte nichts mit mir zu tun.

Diese innere Haltung half mir, sein Verhalten nicht persönlich zu nehmen und hinter die Wut zu schauen. Nicht auf ein Problemkind, sondern auf ein Kind, das gerade überfordert war.

Ich habe nicht gewertet, denn ich wusste: Hinter der Wut steckt meist mehr. Oft finden wir darunter: Frust, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Angst.

Deshalb habe ich ihm keine genervten Blicke zugeworfen, seine Worte nicht persönlich genommen und ihn nicht für sein Verhalten verurteilt.

Stattdessen versuchte ich ihm zu vermitteln: «Ich sehe, du hast es gerade schwierig.» Oder: «Ich weiss, da spricht gerade die Wut.“

Das macht einen grossen Unterschied. Denn wenn wir das Verhalten von Kindern – oftmals auch unbewusst – als störend, respektlos oder schwierig bewerten, reagieren wir ganz anders, als wenn wir erkennen, dass sie gerade selbst mit etwas kämpfen.

Unsere innere Haltung beeinflusst nicht nur unser Verhalten und unsere Reaktion. Kinder spüren sie oft, bevor wir überhaupt ein Wort gesagt haben.

2. In Verbindung bleiben

Ich habe versucht, immer in Verbindung und in Kontakt zu bleiben. Und Verbindung muss nicht immer physische Nähe bedeuten.

Als der Junge aus dem Schulzimmer rannte und sich später auf die Bank setzte, machte er deutlich, dass er Abstand wollte. Gleichzeitig schaute er immer wieder zu mir herüber. Nicht lange. Nur kurz. Aber immer wieder. Ich hatte den Eindruck, dass er wissen wollte, ob ich noch da bin.

Ich glaube, genau das war in diesem Moment wichtig. Nicht, dass ich ständig sprach. Nicht, dass ich Lösungen hatte. Sondern dass ich da blieb. Dass er nicht allein gelassen wurde mit seinen Gefühlen. Dass da jemand da war.

Gleichzeitig habe ich seinen Abstand respektiert. Denn Nähe kann sich in solchen Momenten manchmal bedrohlich anfühlen.

Deshalb blieb ich in Verbindung, ohne mich aufzudrängen. Selbst als ich zurück ins Schulzimmer musste, sagte ich ihm, dass ich da bin, wenn er mich braucht. Für mich ist genau das ein wichtiger Teil von Co-Regulation: Kinder spüren zu lassen, dass sie mit ihrem Sturm nicht alleine sind.

3. Gefühlen Raum geben

Ich versuchte nicht, den Sturm möglichst schnell zu stoppen oder zu kontrollieren. Stattdessen versuchte ich, seinen Gefühlen Raum zu geben und sie zu halten.

Auch als der Junge sagte: «Warum bin ich überhaupt geboren?» versuchte ich nicht, ihn sofort umzustimmen. Stattdessen sagte ich: «Ich sehe, da ist gerade ganz viel Wut bei dir. Und auch Traurigkeit.»

Oft beginnt Regulation dort, wo Gefühle nicht länger bekämpft werden müssen. Auch wenn dies dazuführt, dass die Gefühle dann auch erstmal stärker werden, weil sie Raum haben. Es geht nie darum, Kinder möglichst schnell zu beruhigen. Sondern viel mehr darum, dass sie mit ihren Gefühlen da sein dürfen und gehalten werden.

4. Gefühle akzeptieren – Verhalten begrenzen

Co-Regulation bedeutet nicht, alles zu erlauben. Der Junge durfte wütend sein. Die Wut hatte ihren Platz. Gleichzeitig war es meine Aufgabe, Grenzen zu setzen und für Sicherheit zu sorgen.

Deshalb sagte ich immer wieder Sätze wie: „Du darfst wütend sein. Gleichzeitig darfst du andere Kinder nicht verletzen und den Unterricht nicht stören.“

Kinder brauchen beides: Verständnis für ihre Gefühle und Orientierung / Grenzen für ihr Verhalten.

5. Gefühle benennen, validieren und Orientierung geben

Kinder brauchen in solchen Momenten keine langen Erklärungen. Sie brauchen jemanden, der ruhig bleibt und ihnen zeigt: Es gibt einen Weg durch diesen Sturm. Und dass jemand da ist, der weiss, was zu tun ist.

Ich versuchte deshalb, einfache und klare Angebote zu machen – ohne Druck, ohne grosse Erwartungen. Manchmal reicht ein konkreter Vorschlag, um einem Kind das Gefühl zu geben: Ich bin nicht allein damit.

Solche emotionalen Stürme bringen zudem Gefühle von Kontrollverlust und Ausgeliefertsein mit sich. Deshalb kann es sehr unterstützend sein, das Gefühl laut auszusprechen und zu spiegeln: «Ich sehe, du bist gerade echt wütend.» Oder: «Da ist gerade richtig viel Traurigkeit und Wut in dir.»

Ich half dem Jungen dabei, Worte zu finden für das, was gerade in ihm vorging – und suchte gemeinsam mit ihm nach Möglichkeiten, wie er mit dieser grossen Energie umgehen konnte.

Das ist mehr als eine nette Geste. Wenn Kinder spüren, dass jemand sieht, was in ihnen vorgeht, müssen sie nicht länger kämpfen, um gehört zu werden. Das allein kann manchmal etwas lösen. Es wirkt entlastend und gibt Orientierung.

Auch das ist Co-Regulation: Gefühlen Raum geben, emotional präsent sein und dem Kind mit einer inneren offenen Haltung begegnen.

6. Nonverbale Kommunikation

Ich habe nicht diskutiert. Nicht erklärt. Nicht belehrt. In solchen Momenten sind Kinder gar nicht aufnahmefähig dafür.

Ich habe versucht, vor allem mit meiner Körperhaltung, mit Mimik, Gestik und Tonfall Ruhe auszustrahlen. Eher langsame Bewegungen. Ein langsameres Sprechtempo. Ein sanfter Blick.

Damit versuchte ich, seinem Nervensystem die Botschaft zu vermitteln: Du bist sicher. Ich bin da. Wir schaffen das gemeinsam.

7. Zeit geben und dem Prozess vertrauen

Vielleicht war einer der wichtigsten Punkte, dass ich nicht erwartete, dass sich der Junge innerhalb weniger Minuten beruhigt. Der Sturm hatte sich über längere Zeit aufgebaut. Warum sollte er also innerhalb von Sekunden verschwinden?

Ich versuchte, ihm Zeit zu geben und darauf zu vertrauen, dass sein Nervensystem wieder zurückfinden würde. Und genau das geschah. Nicht plötzlich. Nicht perfekt. Aber Schritt für Schritt.

Zuerst kam der Satz:

„Gib mir fünf Minuten.“

Dann die Rückkehr in die Klasse. Dann das Spiel im Kreis.

Und schliesslich sogar ein Lächeln.

Co-Regulation ist lernbar

Für mich liegt die Verantwortung von Erwachsenen nicht darin, jeden Gefühlssturm zu verhindern.

Unsere Verantwortung liegt darin, Kinder nicht alleine damit zu lassen und ihnen Orientierung zu geben.

Was ich hier nun anhand dieses Beispiels aus meinem Alltag beschrieben habe, konnte ich nicht schon immer. Vieles von dem, was ich heute über Gefühlsstürme, Stress, Nervensystem und Co-Regulation weiss, habe ich über Jahre hinweg gelernt. Durch Ausbildungen, Fachwissen und die Begleitung vieler Kinder und Familien.

Und genau dieses Wissen und diese Erfahrungen habe ich auch in meinen Videokurs «Emotionale Stürme verstehen und begleiten» einfliessen lassen.

Denn ich bin überzeugt: Co-Regulation ist keine angeborene Fähigkeit, die manche Menschen haben und andere nicht. Sie ist lernbar.

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